Vipassana Meditation in Indien

Vipassana Meditation in Indien

Posted: 6. April 2018 by Reiselustique

Wenn ich von den 10 härtesten Tagen meines Lebens spreche, dann spreche ich von meiner 10-tägigen Vipassana Erfahrung in Indien. Die zehn intensivsten Tage mit mir selbst und definitiv ein Experiment, das mir mein Leben lang in Erinnerung bleiben wird. Zehn Tage in völliger Illusion leben und neben 40 weiteren Beteiligten, so tun, als wäre man alleine. Kein Blickkontakt, kein Sprechen, keine Gesten und keinerlei Austausch mit anderen ist erlaubt. 

Vipassana ist eine der strukturiertesten Formen der Meditation mit strengen Regeln und einer erforderlichen starken Disziplin. Es ist definitiv nichts für schwache Nerven, denn verborgene Gefühle der Extraklasse sind vorprogrammiert. Vipassana lässt dich physisch und mental an deine Grenzen gehen.

S. N. Goenka, der burmesische Mann, der diese Form der Meditation, wie sie von Siddhartha Gautama in Indien vor etwa 2.500 Jahren gelehrt wurde, wiederbelebt hat, beschreibt die Praxis als eine tiefe Gehirnoperation an sich selbst mit dem Ziel, Geist und Körper zu reinigen, zu beleben und glücklicher zu machen.

Diese 10 Tage geben dir ganz viel Spielraum für Höhen und Tiefen und mit Sicherheit gibt es auch einen Moment, an dem du an das Aufgeben denkst. Du musst bereit sein nicht nur an deine Grenzen zu gehen, sondern auch weit über deine Grenzen hinaus. Auch, wenn die Meditationstechnik Vipassana dir dabei hilft, negative Gedanken auszublenden, kommen die alten tief verwurzelten Einstellungen, Handlungen und Gedanken zum Vorschein. Nicht nur in Form von Ärgernis, sondern auch in Form von Traurigkeit und Glückseligkeit. Ich habe so viel Positives für mich mitgenommen und bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung und vor allem stolz, dass ich die härtesten 10 Tage meines Lebens so gut gemeistert habe.


Die Idee ein Vipassana Retreat zu besuchen

Vor meinem Vipassana Besuch habe ich vorher noch nie mehr als 30 Minuten am Tag meditiert. Selbst so lange regungslos sitzen zu bleiben, war wie der Versuch, einem undisziplinierten Kind Ruhe beizubringen. Es erfordert viel Übung, Zeit und Geduld.

Die Hektik unserer Zeit brachte mich dazu sich mit Meditation und Achtsamkeit etwas mehr zu beschäftigen. Da mich Spiritualität und das allgemeine Interesse an Bewusstseinsthemen interessiert, entschied ich mich, eines der strengsten und intensivsten Meditationspraktiken während meines Aufenthaltes in Indien zu praktizieren. Die Vorstellung 10 Tage in Frieden lernen Ruhe, Gelassenheit und Kraft zu finden, hörte sich irgendwie gut an und nirgendwo sonst ist die Gelegenheit so perfekt, als Vipassana in dem Land zu praktizieren, in dem die Meditationsform ihren Ursprung hat.

Mir war schon klar, dass dies kein Zuckerschlecken wird und ich hatte einige Tage vorher schon richtig Bammel vor dem was mich erwartet. Vor allem machte ich mir Gedanken über die hygienischen Zustände und das Essen. Ich wollte vor dem Kurs bereits alle Antworten auf meine Fragen finden und habe sehr viel recherchiert. Dabei ist mir der ein oder andere negative Bericht in die Hände gefallen, der mir mehr Angst als Freude bereitete. Darin lass ich, dass viele Schüler aufgrund von Erschöpfung und anderen persönlichen Faktoren vorzeitig abbrechen.

Vipassana-Kurse für Anfänger sind 150 Stunden lange psychologische Bootcamps voller intensiver körperlicher und geistiger Schmerzen, die als unterdrückte Wut, Negativität und Unruhe aus dem Unterbewusstsein entstehen. Aber auch Liebe, Dankbarkeit und Empathie werden wie auf Knopfdruck aus dem Unterbewusstsein hervorgerufen. Eine ganz neue Erfahrung, mit der nicht jede Person umgehen kann. Es ist keine Seltenheit, dass sich der Körper gegen die Reinigung wehrt und plötzliche Krankheitssymptome, wie Fieber etc. hervorruft.

Vipassana-Schüler leben in völliger Stille und meditieren täglich von 4.00 Uhr bis 21.00 Uhr. Der ganze Tag ist getaktet und hat einen strengen Ablauf. Die Regeln sind zu befolgen und Ausnahmen können nur mit einem wichtigen Grund und nach vorheriger Absprache zugelassen werden.


Ablauf eines Vipassana Retreats

Die Anmeldung zum Vipassana Retreat

Erst einmal erfolgt eine Onlineanmeldung mit Fragen zur Person und deiner Gesundheit. Danach musst du einige Tage bis Wochen warten, bis du die Bestätigung zur Teilnahme per E-Mail erhältst. Nach Eingang der Bestätigung ist dir dein Platz gesichert und du musst nur noch zum gewählten Datum anreisen.

Tag 1 im Vipassana Meditations Retreat

Am ersten Tag erfolgt die Anreise aller Vipassana Teilnehmer. Danach müssen erst einmal sämtliche Anmeldeformulare und Fragebögen ausgefüllt werden. Hier werden Fragen nach der eigenen mentalen und körperlichen Verfassung sowie der Motivation gestellt, um einen letzten Check-up zu machen. Wertgegenstände wie Geld, Handys, Laptops, aber auch Bücher und Notizblöcke müssen abgegeben werden. Anschließend wird dein Name einer Nummer zugeordnet und du kannst deinen Platz am zugewiesenen Bett einnehmen. Je nach Einrichtung gibt es Einzel-, Doppel- oder Mehrbettzimmer. Männer und Frauen sind räumlich getrennt.  

Nach einer kurzen Kennenlernrunde mit den anderen Teilnehmern und einer Einweisung durch den Leiter des Meditationszentrums, nimmst du deinen zugewiesenen Platz im Meditationssaal ein. Nach dem ersten lauten Gong wird die 10-tägige Stille eingeläutet. Ab diesem Zeitpunkt heißt es “Noble Silence”. Alle Schüler müssen von Beginn des Kurses bis zum Morgen des letzten vollen Tages absolute Stille einhalten. Noble Silence bedeutet die Stille von Körper, Sprache und Geist. Jede Form der Kommunikation sei es durch Gesten oder schriftlichen Notizen usw. sind untersagt.

Mit dem ersten Gong hat der Kurs begonnen und folgende Regeln gelten ab sofort:

  • Keine Kommunikation
  • Kein Blickkontakt
  • Keine sexuellen Aktivitäten
  • Kein töten von Lebewesen (Dazu zählen Moskitos, Ameisen oder sonstiges Ungeziefer)
  • Kein Diebstahl
  • Keine Lügen
  • Keine Rauschmittel

Die erste Meditation am ersten Tag dauert nur 2 Stunden. Danach ist der Tag zu Ende und um 21:30 Uhr gehen die Lichter aus und die Bettruhe beginnt.

 

 “Persönlicher Rückblick: Meine Gefühle am ersten Tag waren schwer einzuordnen. Die Eindrücke haben mich total überrannt. Von jetzt auf gleich war jegliche Kommunikation untersagt. Von jetzt auf gleich war ich von Daniel für die nächsten 10 Tage räumlich getrennt, und obwohl wir uns durch die Gitterfenster mit den gespannten Moskitonetzen ab und zu sahen, war jegliche Kommunikation untersagt. Es fühlte sich an, wie ins kalte Wasser zu springen. Sehr merkwürdig war es vor allem mit neun weiteren Frauen im Zimmer zu schlafen und weder guten Morgen noch gute Nacht zu sagen. Selbstverständliche Wörter, wie “Danke”, “Bitte”, “Gesundheit” etc. blieben aus. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. An diesem ersten Tag, hatte ich aufgrund der Aufregung meine erste schlaflose Nacht. Und kurze Zeit später ertönte auch schon der erste Aufwachgong um 04:00 Uhr morgens. Der erste volle Vipassana Tag hat begonnen.”

 

Tag 2 bis Tag 9 im Vipassana Meditations Retreat

Der zweite Tag ist der erste volle Vipassana Tag nach der Anreise. Die erste Meditation beginnt um 4:30 Uhr im Meditationssaal. Auf den Boden schauend schlendern alle Schüler mit einem wachen und einem schlafenden Auge in den Meditationssaal. Der Männer- und Frauenbereich ist durch einen deutlichen Balken in der Mitte des Saales gekennzeichnet. Nun wird zwei Stunden am Stück im Morgengrauen bis nach Sonnenaufgang meditiert. Diese absolute Stille lässt alle Geräusche um sich herum noch viel intensiver wahrnehmen. Die Vögel zwitschern, Insekten lauern, Palmenblätter wehen im Wind, Hunde und Kühe streunen herum, das Essen aus der Küche duftet. Zwei Stunden, in denen viele Schüler zwischen “versuchen wach zu bleiben” und “intensive Meditation” mit sich selbst kämpfen müssen.

 

“Persönlicher Rückblick: Selbst nach sehr wenig Schlaf in der ersten Nacht, haben mich all die Eindrücke am ersten vollen Tag wachgehalten. Der Gong um 4:00 Uhr morgens war nicht so schlimm, ich war ja schon halb wach. Ich bin direkt ins Bad, um mich frisch zu machen, denn ich fragte mich, wie es mit neun Frauen und zwei Toiletten, zwei Duschen und zwei Waschbecken ohne Kommunikation funktionieren soll. Überraschenderweise, gab es in den gesamten 10 Tagen kein Problem sich wortlos zu arrangieren. Auf dem Weg zum Meditationssaal haben sich Daniels und meine Blicke „versehentlich“ 🙂 kurz getroffen, bevor es zur zweistündigen Meditation überging. Zwei Stunden am Stück zu meditieren war schon recht hart, vor allem, da es keine offizielle Pause dazwischen gab. Dennoch muss ich sagen, dass diese zwei Stunden an den meisten Tagen meine intensivsten Meditationsstunden waren.”

 

Um 06:30 Uhr wird das Frühstück serviert. Ein typisch indisches Frühstück, das oft einem Mittagessen in Deutschland gleicht. Serviert wird eine warme Getreidemahlzeit mit Hülsenfrüchten, wie Bohnen, Kichererbsen und einer Soße. Nach dem Frühstück darfst du dir bis 08:00 Uhr eine Pause gönnen. In dieser Zeit hat jeder Schüler seine Pause anders genutzt. Einige haben sich wieder ins Bett gelegt, andere haben einen Spaziergang gemacht, andere wiederum haben ihre Wäsche gewaschen (Handwäsche im Eimer). Ich selbst habe oft alle drei Dinge miteinander vereint.

Um 07:50 ertönt der Gong, der die nächste Meditation um 08:00 Uhr einleitete. Nun haben alle 10 Minuten Zeit sich zum Meditationssaal zu begeben, seinen Platz einzunehmen und erneute 3 Stunden zu meditieren. Allerdings gibt es jetzt nach jeder Stunde eine 5-minütige Pause. Jetzt stößt auch der Meditationslehrer dazu, um Instruktionen zur Meditationstechnik mithilfe von Original Aufzeichnungen von Goenka, zu geben. Den Anweisungen folgend wird dir Schritt für Schritt die Vipassana Meditationstechnik beigebracht.

Nach 3 Stunden intensiver Meditation wird um 11:00 Uhr das Mittagessen serviert. Ein warmes Reisgericht mit Soße, Gemüsebeilage und einem Salat. Alle Gerichte sind vegetarisch und du darfst dir gerne Nachschlag holen. Jetzt ist bis 13 Uhr Zeit sich auszuruhen. Erneut, hast du die Wahl zwischen schlafen gehen, spazieren gehen oder Wäsche waschen.

 

“Persönlicher Rückblick: Das Mittagessen war definitiv zu früh, da man noch gut satt war vom Frühstück. Aufgrund des Bewegungsmangels war das Frühstück noch gar nicht verdaut. Um besser meditieren zu können, soll man sich natürlich auch nicht den Magen vollschlagen. Viel zu tun gab es nicht, man war trotzdem sehr froh über jede kurze Pause. Die Spaziergänge wurden von Tag zu Tag intensiver. Ich habe die Natur und meine Umgebung ganz anders wahrgenommen. Ich habe mehr Details gesehen und angefangen Dinge deutlicher zu beobachten. Ich habe mir des Öfteren gewünscht ein Buch zu lesen oder ein Notizblock bei mir zu haben, um meine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, aber dies war ja leider untersagt. Oft lag ich in der Mittagspause in meinem Bett mit offenen Augen und habe an die Decke gestarrt. Natürlich bin ich des öfteren vor Erschöpfung einfach eingenickt, bis der Gong um 12:50 Uhr läutete, um um 13:00 Uhr wieder auf der Matte zu stehen.“

 

Die Zeit von 13:00 Uhr bis 17:00 Uhr ist die längste und heißeste Meditationsphase. Vier Stunden meditieren in der Mittagssonne ohne Klimaanlage. Ventilatoren auf niedriger bis mittlerer Stufe, um die Meditation nicht zu stark zu beeinflussen. Stromausfälle sind keine Seltenheit. In dieser vierstündigen Phase, wird die Meditation überwiegend durch Goenkas Aufzeichnungen geleitet, welcher weitere nötige Schritte der Meditationstechnik erklärt. Auch der Meditationslehrer ist die meiste Zeit anwesend. In den Pausen kannst du dich an den Lehrer wenden, wenn es Fragen zur Meditationstechnik gibt. Dies ist die einzige Möglichkeit mit dem Lehrer zu sprechen.

 

„Persönlicher Rückblick: Dieser Tagesabschnitt war einer der härtesten. Der Hintern fing an zu schmerzen, vom langen sitzen. Die Meditation war bereits erschöpfend, die Geräusche im Meditationssaal wurden lauter und unruhiger, da viele Schüler anfingen sich zu bewegen oder den Saal zu verlassen. Der Schweiß lief wie ein Wasserfall an einem herunter und die Luft wurde immer stickiger. Jede Minute fühlte sich an wie eine ganze Stunde und jede Stunde fühlte sich an wie ein ganzer Tag. Motivierende Worte, wie „andere haben es auch geschafft“ und „andere sind sogar schon das zweite Mal da“ musste ich mir immer wieder vor Augen führen, um nicht schwach zu werden.“

 

Um 17:00 Uhr ist dann endlich die lang ersehnte Pause und das Abendessen, welches “nur” aus einem kleinen Snack besteht und dennoch absolut satt macht. Es gibt jeweils ein Schälchen Bohnen, Kichererbsen oder Haferflocken mit Kokosraspeln, Tee und einem Stück Obst. Vipassana Schüler, die bereits zum zweiten Mal einen Vipassana Kurs besuchen, bekommen am Abend keinen Snack mehr und müssen leider zusehen, wie sich die Neulinge an dem leckeren Abendsnack vergreifen. Sehr gerne hätte ich geteilt und was abgegeben, aber es gelten ja strenge Regeln, die jeder einhalten muss.

 

“Persönlicher Rückblick: Nach jedem Abendessen war mir klar, dass der Tag nun fast geschafft ist. Nur noch ein paar Stunden und ich kann es mir in meinem Bett bequem machen. Auch wenn das Bett alles andere als bequem war und ich durch die nicht vorhandene Dicke der Matraze quasi auf dem Holz des Bettes geschlafen habe, war ich froh, mich nach einem 17-Stunden-Tag einfach hinlegen zu können. Beim Abendspaziergang habe ich immer mal wieder nach meiner Wäsche gesehen und diese dann sorgfältig zusammengefaltet und in einem Schneckentempo ins Zimmer gebracht. Da es sonst nichts zu tun gab, habe ich bis zu diesem Zeitpunkt üblicherweise bereits das fünfte Mal meine Zähne geputzt 🙂 So konnte ich mir meine freie Zeit am besten vertreiben.“

 

Von 18:00 bis 19:00 Uhr wird was gemacht? Genau, meditiert! Die Luft ist draußen etwas abgekühlt und so auch drinnen und es wird langsam wieder angenehmer. Bei einer intensiven Meditation und voller Konzentration auf deinen Körper, wirst du regelrechte Schweißausbrüche während des Meditierens erfahren. Dies ist auch die Zeit in der man sich ab dem 5. Vipassana Tag eine ganze Stunde nicht mehr bewegen soll. Die Position, die du am Anfang einnimmst, sollst du für eine gesamte Stunde halten. Auch die Augen sollen verschlossen bleiben.

 

„Persönlicher Rückblick: Es war zwar nur eine Stunde, aber diese eine Stunde wollte an einigen Tagen einfach nicht vorbei gehen. An diesen Tagen dachte ich mir: „Es sind bestimmt schon zwei Stunden rum“, „Der Lehrer muss eingeschlafen sein”, „Die Uhr muss falsch gehen”, „Die haben den Gong vergessen“. Das Schlimme daran ist, dass man sich mit solchen Gedanken nur noch mehr Schmerzen hervorruft und die Zeit dann noch viel langsamer vergeht. Aber irgendwann war er da, der erlösende Gong und ich musste mit erschrecken feststellen, dass tatsächlich gerade einmal eine Stunde vorbei ist.

 

Um 19:00 Uhr, ist die Meditation für 1,5 Stunden unterbrochen und es folgen motivierende Videoaufnahmen von Goenka persönlich. Es werden wichtige Aspekte der Vipassana Meditationstechnik noch einmal erklärt und diese anhand von Beispielen verdeutlicht.

 

„Persönlicher Rückblick: Diese 1,5 Stunden habe ich sehr genossen, denn Goenka konnte mich mit seinen motivierenden Worten mitreißen. Er hat eine unglaublich tolle Art Dinge zu erklären und zu beschreiben. Jeden Tag waren lustige Szenen dabei und so konnte ich wenigstens mal lachen, wo man doch sonst den ganzen Tag auf den Boden starrend und mit einem gleichbleibenden Gesichtsausdruck, rumgelaufen ist.“

 

Um 20:30 Uhr endet dann der amüsante Teil und es gibt eine weitere abschließende halbstündige Meditation. Ab 21 Uhr kann man noch mal Fragen an den Lehrer stellen, sollte etwas bezüglich der Vipassana Meditationstechnik nicht verstanden sein. Während der letzten Meditation wird also noch mal richtig Gas gegeben, um den Tag erfolgreich und mit einem klaren Kopf zu beenden.

Um 21:00 Uhr endet der lange Tag mit 10 Stunden Meditation und einem 17-Stunden-Programm. Bis hierhin hast du womöglich mit einem Wechselbad der Gefühle, aufkommenden Schmerzen und Schweißausbrüchen zu kämpfen. Ab 21:30 Uhr, aber meistens auch schon viel früher, ist das Licht aus, um Schlaf zu finden und Kraft für den nächsten Tag zu tanken.

 

“Persönlicher Rückblick: Obwohl jeder Tag sehr anstrengend und jeder weitere Tag noch viel anstrengender war, ist mir das Einschlafen nie leicht gefallen. Ich lag oft noch eine ganze Weile da und konnte einfach nicht abschalten. Mein Herz war am Rasen und meine Gedanken spielten Kreuzworträtsel. So viele Fragen gingen mir durch den Kopf. So viele zusammenhanglose sprunghafte Gedanken, die ich mir nicht erklären konnte. Ich war auf der einen Seite völlig erschöpft und wollte unbedingt schlafen, auf der anderen Seite wollte ich mir abends die Zeit gönnen, meine Eindrücke zu verarbeiten. So habe ich jeden abgeschlossenen Tag Revue passieren lassen und gehofft, dass ich meine Gedanken nicht vergesse, um diese später in meinem Tagebuch zu verewigen.“ (PS: Ich habe vieles vergessen)

 

Tag 10 im Vipassana Meditations Retreat

Am 10. Tag des Vipassana Retreats wird um 10:00 Uhr morgens die Stille und damit das „Nobile Silence“ aufgehoben. Die Bereiche werden wieder gemischt und man kann sich endlich unterhalten. Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht ist allerdings noch untersagt. Auch das Essen findet noch in den getrennten Bereichen statt. Am Nachmittag bekommst du deine Wertsachen zurück und kannst dich für die Abreise am nächsten Tag vorbereiten.

 

„Persönlicher Rückblick: Als der letzte Gong des Vipassana Kurses läutete sind erst einmal alle still und auf den Boden schauend, so wie wir es gewohnt waren, in ihre Zimmer gegangen. Im Zimmer angekommen sind wir uns erst einmal alle superglücklich und erleichtert in die Arme gefallen. Endlich hatten wir Zeit uns alle näher kennenzulernen und vor allem Worte wie „Bitte“, „Danke“ etc. zueinander zu sagen. Beim Essen hat jeder von seinen eigenen Erfahrungen berichtet und diese könnten nicht unterschiedlicher sein. Nach so viel Informationsfluss und intensivem Austausch mit meinen Zimmernachbarn habe ich gemerkt, wie ich am Ende des Tages von zu vielen Gesprächen um mich herum ganz schön erschöpft war. Zu diesem Zeitpunkt habe ich erst recht verstanden, wie wichtig es ist, während der 10 Tage nicht zu sprechen und sich nur auf sich selbst und seine eigenen Gedanken und Erfahrungen zu konzentrieren. Der 10. Tag war ein super Abschluss und wie Balsam für die Seele sich endlich wieder austauschen zu können.“

 

Bleiben oder nicht bleiben?

Während meiner Meditation erlebte ich ein Karussell der Gefühle. Es gab Tage, da konnte ich die ganze Welt umarmen, wiederum Tage, an denen ich wütend oder traurig war. Die ersten drei Tage habe ich gut überstanden, bis mir der vierte Tag deutlich schwerer fiel. Ich hatte große Mühe still sitzen zu bleiben und mich zu konzentrieren. Am fünften Tag musste ich den ganzen Tag lachen. Ich konnte über alles lachen und habe mir sogar selbst Witze erzählt. Dabei habe ich Tränen gelacht und ich weiß noch nicht mal wieso. Schon etwas verrückt 🙂

Ab dem 6. Tag kam der Meditationstechnik eine weitere Schwierigkeit hinzu, und zwar eine ganze Stunde lang regungslos und mit geschlossenen Augen dazusitzen. Schmerzen, Jucken, Kratzen etc. sollen durch den eigenen Fokus und den Atem weggetragen werden. Zum Glück habe ich bereits am ersten Tag eine bequeme Sitzposition gefunden, sodass ich eine Stunde regungslos sitzen gerade noch ausgehalten habe. Dennoch eine Stunde kann endlos erscheinen. Ein Mal sind mir vor Schmerzen fast die Tränen gekommen. Ich war stur und wollte einfach nicht meine Position ändern. Ich wollte es schaffen bis zum erlösenden Gong regungslos dazusitzen und nicht aufzugeben. Ich habe Schmerzen in Kauf genommen, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich es schaffen kann.  

Tag  8. und 9. fiel es mir wieder immer schwerer die Konzentration zu halten, denn das lang ersehnte Ende war nah, aber doch so fern. Ich war froh, dass der Kurs so langsam ein Ende nahm, denn die Zustände waren einfach anstrengend. Ich hatte mir die schönen Dinge da draußen vorgestellt, was ich wieder machen und essen würde, wenn der Kurs vorbei ist. Ich habe mich gefreut, dass das Rüberspicken in den Männerbereich durch die Fenstergitter, um kurz sicher zu gehen, dass Daniel noch da ist und es ihm gut geht, ein Ende hat und vor allem auf die langen Gespräche mit ihm, um unsere Erfahrungen zu teilen.

Am 10. Tag war dann alles vorbei. Mit dem Gong um 04:00 Uhr morgens waren die Stunden gezählt und ich war glücklicher wie noch nie. Kein tägliches Wäsche waschen und kein alleiniger Spaziergang mehr. Das Leben in Isolation hat ein Ende und ich kann endlich wieder kommunizieren, wann und so viel ich will 🙂 

 

Was habe ich aus dem Vipassana Kurs gelernt?

Vipassana ist ein Werkzeug, den Geist und sich selbst zu einer Person zu formen, die besser in der Lage ist sich der Welt zu stellen. Die ersten drei Tage verbrachten wir damit, den Atem zu beobachten und den Geist zu beruhigen. Und sieben Tage damit, die Technik des akribischen Körperscannens zu verstehen. In der Theorie sollst du alle Gedanken abschalten und dich auf deinen Körper konzentrieren, um die Körperempfindungen, die durch unsere Gedanken gemindert werden wahrnehmen zu können. Der Mensch ist ständig damit beschäftigt, auf das zu reagieren, was gerade in der Außenwelt passiert. Durch das permanente Tun können wir allerdings nicht erfahren, was passiert, wenn wir mal nichts tun. Nur durch das Abschalten der Gedanken und eine volle Konzentration auf den Körper kann die Meditation in die Tiefen des eigenen Unterbewusstseins greifen.

Weil alle Gedanken und Handlungen, ob äußerlich oder innerlich, ein physisches Empfinden in unserem Körper auslösen, hilft die Vipassana Technik dabei jede Realität, ob gut oder schlecht, so zu akzeptieren, wie sie ist und nicht so, wie wir sie haben wollen. Mit dem Ziel die eigenen negativen Einstellungen zu mindern und Frieden und Harmonie in jeder Situation zu finden.

Wenn du beispielsweise irgendeine Form von Wut oder Aufregung verspürst, bist du alleine 100% dafür verantwortlich. Es mag den Anschein haben, dass dich etwas oder jemand verärgert hat, aber du bist es, der die negativen Reaktionen hervorruft. Wenn wir ständig Negativität erfahren, drängen diese Einstellungen in die Tiefen unseres Körpers und hören nicht auf mit Wut und Zorn auf bestimmte Situationen zu reagieren.

Was wir stattdessen tun müssen, ist aufzuhören, die Negativität an uns heranzulassen und überhaupt negativ zu reagieren, denn alles ist vergänglich und sich über etwas Vergängliches aufzuregen ist eine Verschwendung von Zeit und Energie. Stattdessen solltest du die Person oder die Situation die dich nervt, beobachten, auch wenn es schwierig ist und dann mit Gleichmut und Mitgefühl reagieren.

 

Fazit zu meiner Vipassana Erfahrung

Wir alle möchten ein erfülltes und zufriedenes Leben. Jeder möchte im Alltag gelassen sein und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Manchmal gibt es Tage, an denen wir uns über alles aufregen können. Tage, an denen uns jeder menschliche Kontakt zu viel ist. Das Meditieren kann unsere Gedanken wieder ordnen und uns positiv beeinflussen. Es kann uns zu einem ausgeglichenen und glücklicheren Menschen machen. Im Nachhinein betrachte ich den Vipassana Kurs als eine prägende Grundlage dafür, wie ich mein Leben angehe und angehen möchte. BE HAPPY!

 

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